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9. März 2018, 22:00 Uhr
Schwanthalerhöhe

Kleine Freiheit

Statt jeder für sich auf Wohnungssuche zu gehen, will ein Bekanntenkreis mit Kindern auf einer Brachfläche an der Ganghoferstraße eine Wagenburg gründen. Stadt und Bezirksausschuss zeigen sich offen für das Projekt
Von Andrea Schlaier, Schwanthalerhöhe

Es ist nicht allein der kreative Umgang mit der Wohnungsnot in einer überteuerten Stadt. Es ist auch der Wunsch nach echter Nachbarschaft und einem von unnützem Tand befreiten Leben. Im Januar hat sich der Verein „Rad und Tat“ gegründet, um eine neue Wagen-Siedlung für etwa 20 Erwachsene und Kinder zu schaffen. Als Zwischennutzung hat sich die Gruppe eine städtische Baugrube auserkoren, die den Planungsnamen „MK 2″ trägt und an der Ganghoferstraße im Zwickel zwischen Max-Hirschberg-Weg und Bahnlinie liegt. Voraussichtlich 2020 soll an der Stelle eine neue Schule gebaut werden. Bezirksausschuss und Kommunalreferat reagierten beide äußerst positiv.

Angesichts der unlängst herrschenden Minustemperaturen klingt ein Leben in Wohnwagen oder umfunktioniertem Lkw nicht für alle Menschen besonders romantisch. Aber als Romantiker sehen sich die Vereinsmitglieder nur bedingt. „Dieses Leben stellt für uns mehr Freiheit dar. Wir wissen aber auch, dass es komplizierter ist, den Bedarf nach Wasser, Strom und Wärme zu decken als in einer Wohnung,“ bekennt Florian Holy, einer der Gründer des Vereins. „Man muss sich vielleicht ein bisschen einschränken, aber alles andere würde das locker gutmachen.“

Der 38 Jahre alte Physiker arbeitet als Projektmanager bei einem großen Unternehmen, überwacht Solarenergiekraftwerke. Seine Mitstreiter bezeichnet er als bunten Haufen. Eine Sonderpädagogin ist dabei, dazu ein Holzbildhauer, ein Islamwissenschaftler, ein Fotograf, ein IT-Fachmann, ein Baumpfleger sowie Künstler. „Für mich selbst ist das Leben in einem Wagen erstrebenswert, weil ich im Lauf der Jahre gemerkt habe, dass ich glücklicher bin, wenn ich weniger Zeug besitze“, sagt Holy. Mittlerweile ist sein Mobiliar auf Schrank, Bett und Tisch geschrumpft. „Wenn man an diesem Punkt ist, fragt man sich, warum soll ich in München über 600 Euro für ein WG-Zimmer zahlen?“

Den Freunden und Bekannten gehe es ähnlich. Die einen lebten in Wohngemeinschaften, Apartments, zwei bereits im Bauwagen. „Klar könnten wir uns auch in einer anderen Gegend oder Stadt umschauen, wo es günstiger ist. Aber wir genießen alle die kulturelle Vielfalt in München.“ Und das Leben draußen. „Gut, in einem Bauwagen hat man vielleicht nur zwölf bis 15 Quadratmeter zur Verfügung. Aber dadurch, dass man ein gemeinsames Grundstück drum herum hat, ist es gar nicht so beengt.“

Der Bezirksausschuss Schwanthalerhöhe wünscht sich auf dem MK-2-Gebiet einen Neubau als Erweiterung für die Mittelschule an der nahen Ridlerstraße. Als Florian Holy, begleitet von einigen Mitstreitern, das Projekt im Lokalgremium vorstellte, kam prompt die entscheidende Frage: „Würden Sie den Platz auch wieder räumen, wenn die Genehmigungen für die Schule durch sind?“ Holy nickte. „Wir wollen nichts aufhalten oder behindern.“ Die beiden anderen größeren Münchner Bauwagen-Siedlungen, „Stattpark Olga“ und „Hin und Weg“, können indes ein Lied von der beschwerlichen Suche nach neuen Standorten singen.

Mehr Einwand gab es nicht von kommunalpolitischer Seite. Stadträtin Ulrike Boesser (SPD) ließ vielmehr wissen: „Wir würden das als Zwischennutzung unterstützen. Ich denke nicht, dass sich schulbaumäßig in den nächsten zwei Jahren was tut.“ Ulrike Grillo (Grüne) sprach von „einem spannenden Projekt“ auf einem „furchtbar hässlichen Grundstück. Wir würden begrüßen, wenn was Buntes hinkommt.“ Ausschuss-Chefin Sibylle Stöhr hatte sich gar schon „erlaubt“, beim Kommunalreferat nach einer solchen Zwischennutzung zu fragen. „Die Stadt München“, sagt der Sprecher, „stehe diesen Wohnformen sehr offen gegenüber.“ Derzeit prüfe man, ob das Areal tauglich sei.

„Wir wussten“, sagt Holy, „dass gerade im Westend Offenheit in solchen Dingen besteht“. Wie sie dann nach Gesprächen mit Mitgliedern im Plenum tatsächlich aufgenommen worden seien, „war sensationell. Das wäre wahrscheinlich in anderen Bezirksausschüssen nicht so“, vermutet er. Sie hatten sich mit werbenden Offerten auch reichlich ins Zeug gelegt: Für die große Westend-Nachbarschaft wolle man Veranstaltungen anbieten, wie gemeinsames Sterne-Gucken, Bastel-Workshops, Kinderprogramme. „Ein Grund für uns, in so eine Gemeinschaft zu ziehen“, sagt Holy, „ist, dass wir die Begegnung mit Menschen in der Stadt vermissen, also das, was das Leben lebenswert macht“.