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8. Juli 2016, 22:26 Uhr
Wagenburg
Alternative auf Reisen
Das Projekt „Stattpark Olga“ zieht mit Zirkuswagen und Dixi-Klos an den Ratzingerplatz um. Der bisherige Standort muss wegen eines Schulbaus geräumt werden – das droht auch in Obersendling
Von Jürgen Wolfram, Obersendling

Es klingt nach Freiheit und Abenteuer: 20 Erwachsene und sechs Kinder leben in zwei Dutzend ausrangierten Bau- und Zirkuswagen, veranstalten „unkommerzielle“ Workshops zu Themen wie Siebdruck, Solartechnik oder Pizzaofen-Bau, halten Vorträge, feiern Feste oder laden zur Fahrradwerkstatt ein.

„Stattpark Olga“ heißt das soziokulturelle Wohnprojekt. Sein größtes Problem: Von Zeit zu Zeit muss es wegen anderweitig geplanter Nutzungen des jeweiligen Camp-Geländes den Standort wechseln. In diesem Monat ist es wieder soweit. Weil die Stadt auf dem aktuellen Grundstück an der Tumblingerstraße im Schlachthofviertel mit Voruntersuchungen für einen Schulbau beginnt, soll der „Stattpark Olga“ seine Sachen packen.

Als Ersatz hat das Kommunalreferat diesmal die Freifläche zwischen Parkdeck Aidenbachstraße und Boschetsrieder Straße am Ratzingerplatz in Obersendling ausgeguckt. Doch diese Lösung erwies sich jetzt im Bezirksausschuss Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln als höchst umstritten, auch weil das Gremium damit kurzfristig konfrontiert wurde. Schließlich empfahl eine Mehrheit aus SPD und Grünen dennoch, den Vorschlag der Verwaltung zu akzeptieren.

Scharf kritisierten den beabsichtigten „Stattpark Olga“-Umzug nach Obersendling CSU-Stadträtin Manuela Olhausen und die gesamte Bezirksausschuss-Fraktion. Die Kommunalpolitikerin erinnerte an Probleme mit der Abwasserentsorgung, die einst verhindert hätten, dass sich dort ein Frühlingsfest habe etablieren können. Zudem würde sich das Areal am Ratzingerplatz vorübergehend gut für eine Freizeitnutzung durch Jugendliche eignen, die jetzt noch oft aufs MVG-Parkdeck auswichen. Claudia Küng (CSU) warf überdies die Frage auf, seit wann eigentlich die Stadt für die Unterbringung privater Projekte verantwortlich sei. Weil ihr unklar erscheint, wie im „Olga“-Fall Haftpflichtfragen gelöst werden, nannte Küng die Ansiedlung „unseriös“.

Bernhard Fuchs, Vertreter des Kommunalreferats, warb um Verständnis für die Umzugsidee. Man stehe unter Zeitdruck, gab er zu bedenken, und mit dem „Olga“-Projekt habe man trotz schwieriger baurechtlicher Bewertung stets gute Erfahrungen gemacht. Die Gegend beim Parkdeck Aidenbachstraße liege von der nächsten Wohnbebauung weit genug entfernt. Und mit einem Zirkus in der Nachbarschaft habe man sich abgestimmt. Um die Abwasser- und Müllentsorgung müsse sich der Projektträger, ein Verein, selbst kümmern. Probleme wie bei einem Frühlingsfest seien damit aber nicht verbunden. Fuchs: „Ein Bierzelt mit mehr als tausend Besuchern, das wären ganz andere Dimensionen gewesen.“

Wie schon in der Vergangenheit will sich die „Olga“-Wohngemeinschaft mit Wassertanks und Dixi-Klos behelfen. Unterschwellige Vorbehalte gegen ihre alternative Lebensform konterte Martin Lidl, einer der Sprecher, mit einer Klarstellung: „Wir sind kein Partykollektiv, sondern ein soziokulturelles Projekt, das schwerpunktmäßig Workshops veranstaltet, zu denen etwa 20 bis 30 Leute kommen.“ Man habe immer wieder auch mit der Stadt zusammengearbeitet. Auf massiven Widerspruch stieß die CSU auch bei SPD und Grünen. „Wir diskutieren seit Jahrzehnten über eine sinnvolle Zwischennutzung dieses Geländes, und von der CSU haben wir alle die Jahre keinen Vorschlag gehört. Jetzt plötzlich entdeckt sie Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche“, sagte Micky Wenngatz (SPD). Anstoß an dieser Strategie nahmen ebenso die Grünen; sie mahnten, beide berechtigten Nutzungsinteressen nicht gegeneinander auszuspielen. SPD-Fraktionssprecherin Dorle Baumann freute sich ausdrücklich über „die Möglichkeit, ein Biotop wie den Stattpark Olga in unserer Stadt zu erhalten“. Väterchen Timofej lasse grüßen.

Ironie der Geschichte: Schon jetzt steht fest, dass „Olga“ seinen neuen Standort an der Boschetsrieder Straße im Jahr 2018 wieder verlassen muss. Denn dann fällt auch dort der Startschuss für den Bau einer Schule.