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2. Dezember 2014, 15:14
Alternatives Wohnen in München Wagenburg mit Bollerofen

Sie haben Solaranlagen und bauen ihr Gemüse selbst an: Um unabhängig zu sein, ziehen die 23 Bewohner der Bauwagen-Siedlung „Stattpark Olga“ in München von einem Ort zum nächsten – auf der Suche nach einem besonderen Stück Land.

Von Birgit Lotze

Olga ist gut angekommen. Die Wagenburg, mit vollem Namen heißt sie „Stattpark Olga“, hat sich an einer der seltenen noch nicht völlig durchgeplanten Straßenecken der Stadt angesiedelt. Die Ecke Tumblinger-/Ruppertstraße liegt zwischen Viehhof, Moschee und Bahngleisen – in schöner Industrieromantik, wie die Aktivisten sagen. Ihnen gefällt es hier, es sei auch nicht ganz so laut wie in ihrem früheren Quartier in Ramersdorf an der Aschauer Straße mit der Ständlerstraße im Rücken – einfach angenehmer. Nur zu Stoßzeiten rattern die Autos dicht hintereinander über Kopfsteinpflaster und Asphalt, im Halbkreis um die Wagenburg.

Das Fleckchen im Schlachthofviertel haben sie selbst gesucht. An der Aschauer Straße sollen bald Gewerbequartiere gebaut werden, damit lief die Zwischennutzung aus. Die Olga-Mitglieder legten der Stadt eine Liste möglicher neuer Quartiere vor. Das Kreisverwaltungsreferat, selbst Anlieger der Ruppertstraße und nur ein paar Meter entfernt, hat sich für die Brachfläche neben der Unterführung entschieden. Ein Parkplatz war bislang dort, auch mal ein Laden, meist aber gar nichts. Doch es gibt große Pläne mit dem Grundstück. Von 2016 an soll ein Kulturzentrum für Isarvorstädter und Sendlinger entstehen, auch eine Berufsschule. Nicht nur die Wagen müssen dann wieder weiterziehen, auch die Moschee wird abgerissen.

In der Mitte ein Bollerofen, hinten das Hochbett

Christian hat sich mit seiner Freundin einen Lkw ausgebaut. Es ist sehr hell, in der Mitte ein Bollerofen, hinten das Hochbett, darunter der Kleiderschrank. An der Fensterfront steht ein großer Schreibtisch. Christians Freundin ist Grafikerin und hat sich inmitten all dem Holz einen modernen Arbeitsplatz eingerichtet. Eines ihrer Probleme, worüber sie häufig diskutieren: Wieder haben die Bewohner des Stattparks Olga nur einen Mietvertrag für ein Jahr. Gerne würden sie einen Wagenplatz in München längerfristig, am liebsten dauerhaft etablieren, sagt Christian. Sie möchten die Brachflächen, auf denen sie wohnen, gerne beleben und Gemüse anbauen. „Bei einer Saison ist das allerdings kaum möglich.“ Also bauen sie ihr Gemüse in mobilen Gärten, in Gemüsekisten an.

17 Frauen und Männer und sechs Kinder leben derzeit zwischen den Bahngleisen und der Kurve Tumblinger- und Ruppertstraße in alten, ausgebauten Lkw und ausgedienten Bauwagen. Das älteste Kind ist 14 Jahre alt, die Jüngste vier Wochen. Nein, den Winter fürchten sie nicht, sagen sie. Zumindest in ihren Wohnungen ist es warm, eher zu warm als zu kalt. Denn Holzöfen sind für größere Räume gebaut als für Zimmer von kaum zehn Quadratmetern. Ihr Wasser beziehen die Stattpark-Bewohner von der Moschee. Strom gibt es auch nach zwei Monaten noch nicht, sie hätten dafür Kabelbrücken über Straßen verlegen müssen. Das Kreisverwaltungsreferat hat jetzt aber Unterstützung zugesagt. Die Wagen sind zwar autark, alle haben Solaranlagen. Allerdings war deren Produktion wettergemäß im November eher dürftig.
Die Beteiligten wollen einen unkommerziellen Freiraum

In der Mitte der kleinen Siedlung steht der Gemeinschaftsbereich, eine Konstruktion aus Glas und Holz und der einzige Bau ohne Räder. Hier finden jeden zweiten Donnerstag im Monat, im Sommer jeden Donnerstag, Veranstaltungen statt – mal Kleinkunst, mal Erzählabende, dann spielt eine Band, es gibt ein Kinderprogramm oder man trifft sich zur Fahrradwerkstatt. Die Veranstaltungen sind frei, auch Essen und Trinken wird auf Spendenbasis konsumiert. Die Olga-Beteiligten wollen einen unkommerziellen Freiraum bieten, gerade weil man solche in München nicht oft finde, sagen sie.

Zwar haben die Olga-Aktivisten ihr Ziel, einen längerfristigen Mietvertrag zu bekommen, noch nicht erreicht. Doch sie haben offenbar Vorurteile aus dem Weg geräumt und werden als Teil des Stadtbildes akzeptiert – auch wenn sie selbst nicht gern ihre Nachnamen in der Zeitung lesen wollen. In den Bezirken, in denen sie ihre kleine Burgstadt aufschlugen, ist Olga bislang jedenfalls gut angekommen. In Ramersdorf heißt es, der Umgang mit der Nachbarschaft sei vollkommen unproblematisch gewesen. In der Isarvorstadt hatte es vor ihrer Ankunft die Befürchtung gegeben, dass sich eine neue Partyszene etabliert. „Aber das scheint alles sehr stadtteilverträglich abzulaufen“, sagt Alexander Miklosy (Rosa Liste), der zuständige Bezirksausschuss-Vorsitzende.