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4. August 2018, 14:17 Uhr Alternatives Wohnen
„Stattpark Olga“ muss Wagenburg abziehen

Das alternative Wohnprojekt soll den Ratzingerplatz räumen, weil dort eine Schule gebaut wird. Die Bewohner fühlen sich im Stich gelassen, auch weil CSU und SPD gegen einen geplanten Ausweichort gestimmt haben.


Von Jürgen Wolfram, Obersendling

In der Stadt wird’s eng und enger. Zu spüren bekommen das auch die alternativen Wohnprojekte, die sich mit ihren Wagenparks von einer Zwischennutzung zur anderen hangeln. Ob „Hin & Weg“ oder „Stattpark Olga“ – für beide wird es immer schwieriger, eine Bleibe zu finden. Prekär ist die Situation für die 20 Erwachsenen und sieben Kinder von „Olga“, die seit zwei Jahren in ausrangierten Bau- und Zirkuswagen am Ratzingerplatz leben. Spätestens im November müssen sie ihren Wagenplatz räumen, weil dort die Voruntersuchungen für den Bau einer Grundschule beginnen. Ihre Hoffnung, auf eine Fläche im Siemens-Sportpark auszuweichen, hat sich nun wohl zerschlagen. Denn der Bezirksausschuss (BA) Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln lehnt das Ansinnen mit großer Mehrheit ab.

Es ist schwer vorstellbar, dass der Feriensenat des Stadtrats, wie von der Fraktion der Grünen „dringlich“ beantragt, in der kommenden Woche zu einer anderen Entscheidung gelangt. Denn hinter dem BA-Beschluss stehen CSU, SPD und FDP gleichermaßen. In einem gemeinsamen Antrag begründen die BA-Fraktionen von SPD und CSU ihre Ablehnung eines „Olga“-Umzugs auf den früheren Siemens-Sportpark in erster Linie mit dem Hinweis, das gesamte Areal inklusive Parkplatz liege in einem Landschaftsschutzgebiet.

Eine temporäre Nutzung für Wohnzwecke sei in solchen Gebieten nicht erlaubt, betonte SPD-Fraktionssprecherin Dorle Baumann. Zudem werde der Siemens-Sportpark für „dringlichere Bedürfnisse der Bevölkerung“ wie Sport, Erholung und Freizeit benötigt. Schon jetzt zeichneten sich Schwierigkeiten ab, den aktuellen und den künftigen Bedarf zu decken. Reinhold Wirthl, Sprecher der CSU-Fraktion, wandte sich explizit auch gegen die Nutzung des Parkplatzes der Grünanlage an der Siemensallee.

Dieser werde bald gebraucht, damit man den Sportpark überhaupt erreichen könne, außerdem wäre er für „Olgas“ Zwecke ohnehin zu klein. Das sonstige Umfeld des Sportparks sei gleichfalls keine Option, denn dafür fordere die Stadt längst ebenfalls die Ausweisung als Landschaftsschutzgebiet, hieß es. Der BA-Vorsitzende Ludwig Weidinger (CSU) wies ferner darauf hin, dass der im Sportpark beheimatete Tennisclub „Bestandsschutz“ genieße. Allein die Grünen wollten die Absage an „Olga“ nicht ohne Weiteres hinnehmen. Deren Sprecherin Henriette Holtz befand, gegen eine vorübergehende Nutzung des Sportparks durch die Wagenkolonie sei nichts einzuwenden.

Juri Wostal (Grüne) unterstellte anderen BA-Mitgliedern sogar, sie würden die Diskussion mit Vorurteilen gegen alternative Lebensformen vermischen, geringfügige Lärm- und Umweltprobleme aufblasen. Dabei sei der „Stattpark Olga“ ein integratives Projekt, das den Stadtteil mit kulturellen Angeboten bereichere. Das Gemeinschaftspapier von CSU und SPD nannte Wostal einen „Symbolantrag“. Seine verbalen Attacken galten vor allem der SPD: „Wer hat Olga verraten? Sozialdemokraten!“ Es folgten: Der Vorwurf der Pöbelei, Fragen nach dem Naturschutz-Verständnis der Grünen, die Forderung nach einer Entschuldigung, Rufe nach einer Rüge. Und im Gegenzug die Replik der Grünen: Eine klare Sprache gehöre zur politischen Auseinandersetzung.

„Wir sind keine asozialen, herumlungernden Menschen“

Zwei Vertreterinnen des „Stattparks Olga“ verfolgten einigermaßen fassungslos die hitzige Debatte. Eine von ihnen, Franziska Vogl, hatte das alternative Wohnprojekt zuvor als „Mehrwert für die Nachbarschaft“ beschrieben und auf die öffentlichen kulturellen Angebote hingewiesen. „Wir sind keine asozialen, herumlungernden Menschen, die sich von der Gesellschaft abgrenzen“, beteuerte Vogl.

Alle „Olga“-Bewohner gingen einer seriösen Arbeit nach. Sie fühle sich durch anderslautende Äußerungen denunziert und könne „so viel Gegenwind“ nicht verstehen. Dies umso weniger, als „Olga“ in seiner Obersendlinger Umgebung stets geschätzt worden sei. Abschließend bat Vogl den BA, ihre Wohngemeinschaft bei der Suche nach anderen Standorten zu unterstützen. Die bisher von der Verwaltung offerierten Flächen (Freiham, Lochhausen) lägen zu weit außerhalb des Stadtzentrums.

Als „Olga“ vor zwei Jahren auf das Gelände an der Boschetsrieder Straße/Ratzingerplatz zog, hatte das soziokulturelle Wohnprojekt die mehrheitliche Unterstützung des BA. Damals musste „Olga“ ein Grundstück an der Tumblingerstraße im Schlachthofviertel räumen, ebenfalls wegen eines Schulbaus. Daran könne man schon ablesen, dass es jetzt nicht um eine generelle Ablehnung der Wohngemeinschaft gehe, beteuerten CSU und SPD. Sie betonten aber zugleich, der Siemens-Sportpark sei nun mal kein geeigneter Platz für derartige Zwecke.