»Wir wohnen im Wagen«

Wasser schleppen & werkeln – so leben Münchner am Olympiapark

Wenn Vera kochen will, muss sie erst einmal Kanister schleppen. Denn fließendes Wasser ist für die 25-Jährige nicht selbstverständlich – seit rund zweieinhalb Jahren lebt die Verkäuferin im Bauwagen.
Wohnen im Wagen ist ein Lebenskonzept, das immer mehr Münchner für sich entdecken – obwohl es in der Landeshauptstadt nicht erlaubt ist (s. Kasten). Auch Vera hat Gleichgesinnte getroffen: Mit rund zwölf Wagenbewohnern gründete sie vor einem Jahr den „Stattpark Olga“, ein Münchner Kultur- und Wohnprojekt, in dem sich die Wagenbewohner organisieren und gemeinschaftlich soziokulturelle Projekte verwirklichen. Kinoabende, Straßencafés, Sportturniere, Bücherausleihen und Workshops – in ihren Projekten will die bunte Truppe aus vorwiegend Geistes- und Sozialwissenschaftlern, Künstlern und Handwerkern die Besucher für die Umwelt sensibilisieren. Beispiel: Stromerzeugung. In Workshops zeigen die „Stattparkler“, wie Strom aus Sonnenlicht gewonnen werden kann.
Vor rund sechs Wochen ließen sie sich auf dem Gelände an der Ecke Schwere-Reiter- und Dachauer Straße direkt hinter dem Olympiapark nieder. Davor waren sie auf den verschiedensten Plätzen in München daheim, „man kennt so seine Ecken“, sagt Vera. Wo, verrät sie allerdings nicht. Abgrenzung liegt den Wagenbewohnern aber fern. „Wir sind keine geschlossene Gesellschaft“, betont Vera. Jeder könne vorbeischauen. Neue Mitbewohner werden zunächst geprüft, „wie in einer WG halt auch“. Ein anderes Leben kann sich hier keiner mehr vorstellen. „Wenn ich ein paar Tage bei meinen Eltern bin, fällt mir in der Wohnung schon die Decke auf den Kopf“, sagt Vera, die im Glockenbachviertel aufgewachsen ist. Auch ihre WG-Zeit vermisst sie nicht: „Ich war in einer Fünfer-WG, da ist man sich schon mal auf die Nerven gegangen.“
Und hier? „Ziehe ich mich in meinen Wagen zurück und mache die Tür zu“, sagt sie. Doch das kommt nicht oft vor. Meistens sitzt sie nach der Arbeit draußen vor dem Wagen und schmiedet mit den anderen Pläne. Gerade laufen die Vorbereitungen für die Hochzeit eines befreundeten Pärchens auf Hochtouren: „Wir basteln einen Mini-Bauwagen.“ Auch für den Komfort wird gewerkelt – die unkonventionelle Gemeinschaft baut ein Gefährt zum Sanitärwagen mit Toilette und fließendem Wasser aus.
Doch wichtig sind der Gruppe nicht nur Freiheit und frische Luft: Seit Pläne der Stadt bekannt geworden sind, die Gebäude auf dem Schwere-Reiter-Gelände abreißen zu lassen, kämpfen die Künstler der Stadt um ihre Kreativstätte (das Gelände bietet eine Plattform für Tanz, Theater, Musik und Bildende Kunst). „Daher unsere Idee, es besetzt zu halten“, sagt Vera. Dauerhaft ist diese Lösung allerdings nicht: „Wie lange die Wagenburg Olga noch auf dem Gelände
Schwere-Reiter-Straße/
Dachauer Straße bleiben darf, wird momentan geklärt“, sagt ein Sprecher vom Kommunalreferat auf Hallo-Anfrage.
Aufgeben werden die „Stattparkler“ nicht, sagt Vera: „Wir schauen uns gerade nach einem guten Standort um.“ Daniela Schmitt