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Wohnen einmal anders
Im Wohnwagendorf zu neuer Gemeinschaft

Manche bezeichnen sie als Aussteiger, sie selbst sehen sich als Einsteiger, Einsteiger in eine andere Art des Zusammenlebens in der Stadt: Menschen, vom Musiker bis zum Physiker, die sich entschließen, in ausgebauten LKW oder Bauwagen zu leben, als Gemeinschaft in der oft anonymen Großstadt. In München gibt es zwei solcher Wagendörfer, ein drittes ist gerade in Gründung.

Von: Andreas Halbig
Stand: 07.08.2018

Ody ist 18 Jahre alt und baut sich gerade einen ehemaligen Bauwagen zum Wohnwagen um. Der angehende Elektroniker für Gebäude- und Energietechnik wird das jüngste Mitglied von „Stattpark Olga“ sein, einem Wagendorf in München-Obersendling.

Vor gut zwei Jahren sind 20 Erwachsene und sieben Kinder mit ihren ehemaligen Zirkuswagen, Bauanhängern oder umgebauten Lkw auf eine städtische Brachfläche in der Boschetsrieder Straße gezogen. Und Ody will jetzt auch dort leben. Der Grund: „Prinzipiell erst mal mehr Freiheit, weil in einer WG ist man halt relativ eingeengt. Da hast du halt deine drei, vier Heinzel, die du jeden Tag siehst, und hier haste halt 20 andere Personen, mit denen du jeden Tag was zu tun hast.“

Gemeinsam statt einsam

Und die beim „Wohnungsbau“ auch mal mit anpacken. Andreas Morgenstern zum Beispiel. Er hat das Projekt Stattpark Olga vor acht Jahren mitgegründet. Tagsüber geht er einem ganz normalen Beruf nach, wie die anderen Bewohner auch, vom Handwerksmeister bis zur Architektin. Den anderen Teil seines Lebens in der Stadt will aber auch er nicht allein in einer Wohnung verbringen: „Mir geht es persönlich darum, mit vielen Leuten viel Input zu bekommen und halt einfach nicht vereinzelt zu leben, sondern mit vielen Leuten im Austausch zu sein, Ideen zu schmieden und das Leben auch gemeinsam anzugehen.“

Begegnungen auf der Gemeinschaftstoilette

Für Martin Lidl, Musiker und auch von Anfang an dabei, hat sogar der Weg zur Gemeinschaftsdusche oder -toilette seinen Reiz: „Dann muss ich quer über den Platz gehen, und dann treffe ich meine Nachbarn, und dann findet Begegnung statt, und dann krieg ich schon mal mit: wie geht’s dem, ist der da, ah, du bist wieder da; oder: ach, dir geht’s nicht gut. Es ist wie ein kleines Dorf, und das halt in einem städtischen Umfeld.“

Gemeinsame Beratungen

Einmal in der Woche beraten alle gemeinsam, was anliegt. Zum Beispiel, was sie jeden Donnerstag im Gemeinschaftscafé veranstalten wollen. Bis zu 100 Leute aus der Nachbarschaft kommen mittlerweile zu Konzerten, Filmen, Vorträgen. Denn Olga sieht sich nicht nur als Wohnprojekt, sondern auch als soziokulturelles Arbeitsprojekt in der Stadt. Und sucht deshalb auch in der Stadt wieder einen neuen Standplatz. Zum vierten Mal in acht Jahren. Denn die Brachflächen, auf denen sie immer stehen, bekommen sie nur für begrenzte Zeit. Andreas Morgenstern erklärt: „Da haken wir schon bei der Stadt manchmal nach und fragen: warum konnten wir da nicht hin und warum müssen wir jetzt umziehen, und es gibt schon wieder Plätze, wo wir sagen: das ist doch leer seit Jahren, und warum geht das nicht?“

Protest für mehr Anerkennung

Letzte Woche besetzten sie deshalb mit ein paar ihrer Wagen gleich mal den Max-Joseph-Platz, direkt vor der Oper. Ganz legal und angemeldet. Gemeinsam mit dem zweiten Münchner Wagendorf und einem, das sich gerade gründet, wollten sie auf ihre Situation aufmerksam machen und für mehr Unterstützung werben.
Auch gegenüber dem Münchner Kommunalreferat, das für die Grundstücke zuständig ist, auf denen sie bisher immer standen. Die neue Kommunalreferentin Kristina Frank will alternative Projekte wie Stattpark Olga auch weiterhin unterstützen: „Es wird am Ende auf jeden Fall nicht so sein, dass man sagt: ihr müsst jetzt von dieser Fläche weichen, habt aber keinen Ausweichstandort. Bislang war aber nicht der Ausweichstandort dabei, den Olga sich wünscht.“

Nämlich einen, der nicht irgendwo am Stadtrand von München liegt. Da könnten sie zwar wohnen. Aber ihre Idee, die Kultur gerade in der Stadt zu bereichern, wäre damit gestorben.