Frei – ohne fließend Wasser Leben in einer Wagenburg
Morgens heiß duschen, bei Kälte die Heizung aufdrehen, bei Durst den Wasserhahn – das gehört für fast alle Deutschen zum ganz normalen Lebensstandard. Nicht so für die OLGArianer: Sie leben in einer Wagenkolonie – mitten in München. Unkonventionell, aber nicht außerhalb der Gesellschaft.

Komfort – das ist ein Fremdwort für Sarah L. Wenn die Stimmbildnerin morgens duschen will, dann muss sie bereits lange davor aktiv werden – und den Boiler anheizen. Mit Holz. Voraussetzung: Der Wassertank ist nicht eingefroren. Das kann an kalten Wintertagen aber passieren, denn Sarahs Badezimmer befindet sich in einem Wagen. Ihre Wohnung ist ein ausrangierter Zirkuswagen.

Mühsam – aber mit viel Lebensqualität
Sarah L. wohnt in einer Münchner Wagenkolonie. Ihr Alltag ist dadurch deutlich mühsamer als der eines „normal“ lebenden Münchners. Doch tauschen würde sie trotzdem nicht wollen. „Es ist schon mühsam, aber es ist gleichzeitig auch wahnsinnig schön. Wenn man die Menschen fragt, was hätten sie gerne mehr, dann sagen sie eigentlich alle „Zeit“. Und wir brauchen hier mehr Zeit fürs Wagenleben – aber wir haben natürlich mehr Zeit, weil wir nicht Tausende an Euro an Miete ranschaffen müssen. Das ist wahnsinnig viel Lebensqualität“, schwärmt sie.

Ein Eigenheim, das man sich leisten kann

Sarahs Ehemann Martin L. muss das Wasser, das sie für ihren Alltag brauchen, von der nächsten Tankstelle im Kanister holen. Denn einen Wasseranschluss hat sein „Haus“ nicht. Acht Jahre ist es her, dass er seinen Zirkuswagen fand – über eine Kleinanzeige. In Eigenregie hat der freischaffende Musiker ihn umgebaut, das Dach angehoben, um mehr Platz zu bekommen– und das alles ohne langwierige Genehmigungen. So kam er zu einem Eigenheim, dass er sich leisten kann im sonst so teuren Münchner Immobilienmarkt. Den Platz, auf dem die Wägen stehen, haben die Wagenleute von der Stadt München angemietet.

Vor ein paar Monaten haben die Lidls Nachwuchs bekommen. Ist das nicht der Moment, in dem man über feste Wände nachdenkt? Mama Sarah hatte schon Bedenken – zumindest als ihr Sohn Miro noch nicht geboren war. „Seit er da ist, ist das alles überhaupt kein Stress. Wir sind zu zweit, wir können uns gut aufteilen und organisieren, wir können uns auch hier am Platz organisieren“, erzählt sie. Oft nehmen die anderen vom Platz den Kinderwagen mit auf den Spaziergang, den sie ohnehin mit ihren Hunden machen. Eine echte Erleichterung – wie in einer Großfamilie.

Doch ist der Wagen nicht zu kalt für einen Säugling? „Ich hab noch nirgends so wenig gefroren wie im Wagen“, sagt Sarah. Muckelig warm ist der Wagen also, aber er ist auch nicht gerade ein Platzwunder: Obwohl ein zweites „Zimmer“ im Wagen nebenan zur „Wohnung“ gehört, stehen den Lidls nur 40 Quadratmeter zur Verfügung – und das mittlerweile zu dritt. Da bleibt schon mal mit Sicherheit kein Platz für große Mengen Besitztümer. Nicht nur ein Nachteil, denn so reduziert man sein Hab und Gut auf das Wesentliche.

Bunt gemischte Gesellschaft

Wer nun glaubt, dass alle, die im alternativen Wohnprojekt „Stattpark OLGA“ Menschen leben, keiner Arbeit nach gehen und einfach nur in den Tag hineinleben, der täuscht sich gewaltig: Hier ist die Gesellschaft bunt gemischt. Und: Man hilft sich gegenseitig. Die Gesellschaft, die angenehme Nachbarschaft – das sind nach den Aspekten des günstigen Wohnens und der Freiheit die beiden bedeutendsten Gründe für die Wagenbewohner, hier zu leben.

„Wir sehen es als unseren Job an, das Wagenwohnen etwas publiker zu machen, in die Öffentlichkeit zu tragen: Damit man sieht: Okay, die leben zwar anders, aber sind jetzt keine komischen Leute deswegen.“

Eine besondere Gemeinschaft

Jeden Dienstagabend trifft sich beispielsweise das Wagendorf zum gemeinsamen Kochen. Dabei wird diskutiert, was gerade anliegt. Oder es werden die kulturellen Veranstaltungen wie Konzerte, Lesungen oder Filmvorführungen geplant, die OLGA regelmäßig veranstaltet. Ein bisschen erinnert das Dorfleben hier an die WG-Kultur der 70er-Jahre. Doch wie lange noch? Bis Ende dieses Jahres läuft der Mietvertrag mit der Stadt München noch. Vielleicht müssen die OLGArianer dann weiterziehen. Aber was soll’s – ihre Häuser können sie ja einfach mitnehmen…

„Es ist einfach ein ganz anderes Gefühl in der Gemeinschaft zu leben: Man kann sich gegenseitig helfen, man kriegt total viel voneinander mit. Es ist genau das Entgegengesetzte von der Entfremdung oder von der Vereinsamung, die es in unserer Gesellschaft gibt.“