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Mehr als nur Wohnprojekte
Wagenplätze in München: Kein Platz für alternatives Leben
Jasmin Menrad, 31.07.2018 – 07:05 Uhr


Zwei von drei Münchner Wagenplätzen haben keinen Standort in der Stadt. Dabei sind sie mehr als Wohnprojekte. „Wir fordern ja nicht viel, nur ein Stück Wiese“, sagt Flo von Rad & Tat.

München – „Es ist eine Gemeinschaft, wir machen oft Plenum und eigentlich machen wir eh alles zusammen“, sagt das neunjährige Mädchen auf der Bühne auf dem Max-Joseph-Platz.

Das Mädchen lebt in Bogenhausen auf dem Wagenplatz Hin & Weg. Es demonstriert gemeinsam mit Stattpark Olga vom Ratzingerplatz und der Initiative Rad und Tat, die noch keinen Stellplatz haben, dagegen, dass Wagenplätze an den Stadtrand gedrängt werden.

Deshalb haben die Bewohner auf dem Max-Joseph-Platz ein kleines Wagendorf aufgebaut, eine Jazzband spielt, Kinder malen, basteln und toben und gegen eine kleine Spende gibt’s Kuchen – wie auf dem Wagenplatz, nur mitten in der Stadt. Die Bewohner von Stattpark Olga mussten in acht Jahren viermal umziehen.

Zum August müssen sie ihren Platz an der Boschetsrieder Straße verlassen, wurden aber um zwei Monate verlängert. Eine Fläche auf der Großbaustelle Freiham und eine in Lochhausen an der Autobahn wurde ihnen angeboten.

Weidlinger: Kulturprogramm? Ist mir nicht aufgefallen!

Für die Olgas keine Option, denn sie wollen sich nicht aus der Stadt herausdrängen lassen, wo an einem durchschnittlichen Donnerstagabend 60 Besucher bei ihrem Kulturprogramm vorbeischauen. Deshalb haben sie eine Fläche im Siemenspark vorgeschlagen. Doch der Bezirksausschuss (BA) will sich in einem gemeinsamen Antrag von CSU und SPD dagegen aussprechen.

BA19-Chef Ludwig Weidinger (CSU) meint, die Flächen wären Landschaftsschutzgebiet oder würden für Sport gebraucht. „Wir wollen keine Nutzung für wenige Privilegierte.“ Angesprochen darauf, dass die Olgas jede Woche ein Kulturprogramm haben, eine rege genutzte Radlwerkstatt und einen Umsonstladen – alles auf Spendenbasis – sagt Weidlinger: „Es ist mir nicht aufgefallen, dass es dort ein Kulturprogramm gibt.“

Die jährlich zugesendeten Jahresberichte hat er nicht gelesen. Ein offenes und kostenfreies Kulturangebot bietet seit 20 Jahren auch Hin & Weg. Obwohl die Wagenbewohner den BA geschlossen hinter sich haben, hat sich die Entscheidung bis zum letzten Moment gezogen. Jetzt ist raus: Während der Bauzeit des Pühnparks ziehen die 13 Erwachsenen und zwei Kinder für ein Jahr auf ein Ausweichgrundstück und kehren als fester Bestandteil des Parks zurück.

Rad & Tat fordern „nur ein Stück Wiese“

So würden sich das auch die Olgas wünschen, nur macht ihnen der BA bei seiner Sitzung am Dienstag wohl einen Strich durch die Rechnung. Denn ohne den BA – heißt es bei der Stadt – bekommen sie die Fläche im Siemenspark nicht. Im Westend versucht der neu gegründete Wagenplatzverein Rad & Tat eine Fläche in der Ganghoferstraße zu beleben. Dort soll irgendwann mal eine Schule entstehen, so lange liegt das Grundstück brach.

Seit Januar ziehen sich die Gespräche mit den Verantwortliche hin, der Mietbeginn im Sommer wurde schon in Aussicht gestellt. Dann wurde der zuständige Mitarbeiter im Kommunalreferat ausgetauscht und die Arbeit ging wieder von vorne los. „Wir fordern ja nicht viel, nur ein Stück Wiese“, sagt Flo von Rad & Tat. Ungenutzte Brachfläche, die sie mit ihrem alternativen Leben beleben – und für die sie im Übrigen Miete an die Stadt und Nebenkosten zahlen.

Denn Wagenplatz heißt eben nicht Wagenburg. Sondern ein Platz, auf dem man sich untereinander und den Menschen im Viertel hilft, ein ressourcenschonendes Leben vorlebt – und oft Plenum macht.

AZ-Kommentar
Wagenplätze? Es bräuchte nicht viel
Felix Müller, 31.07.2018 – 07:02 Uhr


Die Leute von den Wagenplätzen haben bewiesen, dass sie Angebote fürs Viertel machen, Menschen helfen, die wenig haben, findet Felix Müller. Foto: Jasmin Menrad


Das sagt AZ-Lokalchef Felix Müller über die Wagenplatz-Debatte.

München hat sehr viel mehr Alternativkultur zu bieten, als es Außenstehende vermuten.

Was München ganz sicher viel zu wenig hat, sind alternative Wohnformen. Dabei spricht alles für kleine, neue Genossenschaften, für selbstverwaltete Wohnprojekte – und, ja, auch für den ein oder anderen Wagenpark. In Hamburg, Berlin und Köln, aber auch in Freiburg oder Tübingen ist diese spezielle Wohnform seit Jahrzehnten etabliert.

Vielen Münchnern dürfte gar nicht bewusst sein, dass es auch hier Menschen gibt, die in alten Zirkuswägen leben und auf dem Platz dazwischen eine enge Gemeinschaft pflegen.

Ihnen muss man nicht, wie Alt-OB Christian Ude einst gesagt haben soll, helfen und sie in „richtige“ Wohnungen vermitteln. Die Leute wollen so leben. Es braucht nicht viel Geld und auch nicht viel Geduld im Viertel.

Damit Brachflächen für Wagenplätze gefunden werden können, braucht es eine Offenheit in der Verwaltung – und den politischen Willen in Rathaus und Bezirksausschüssen. Der war in der Vergangenheit oft nicht vorhanden. Dabei tun nicht-kommerzielle Initiativen der immer gesichtsloseren Boom-Stadt gut.

Die Leute von den Wagenplätzen haben bewiesen, dass sie Angebote fürs Viertel machen, Menschen helfen, die wenig haben. Sie sind kein Gegner, den man fürchten muss. Sondern ein Gewinn.